Montag, 29. März 2010

Roadhouse Blues

So, heute hab ich ein wenig mehr Zeit. Oder besser: Ich hab sie mir einfach genommen. Ein Tag mal richtig frei. Nachdenken können. Planen. Fühler austrecken wie das denn eigentlich so alles in mir angekommen ist.
Bis jetzt hab ich da nur Sanduhren geernet, Ergebnisse sind also noch nicht zurückgekommen. Langsames Hirn heute.

Dafür kann ich die Zeit mal nutzen, über meine singende klingende Startmaßnahme zu berichten. Es ist ein wenig, als wäre man auf RTL2 gefangen. Und kommt nicht raus.

Egal, welchen Typus man sich da vorstellt, er ist vertreten: Die alternden Bauarbeiter mit den großen Klappen und der leicht militanten Einstellung. (Oh, und geschieden, worüber dann man auch gleich alles erfährt.) Die dicke, schielende allein erziehende Mutter ("Der Junge is 15, der kann alleine zum Krankenhaus fahren."). Das alternde Punkmädchen mit der schlechten Haut und dem fliehenden Kinn... die türkischen Hausfrauen mit den durchs Blondiermittel fast orange gewordenen Haaren, die ihre Handtasche auf den Tisch stellen um dahinter heimlich ihre türkischen Magazine zu lesen. Das böse überschminkte und funkelnde Sternchen, das 20 ist, keinen Ausbildungsplatz bekomen hat, aber eigentlich viel lieber Sängerin werden würde. Die verlebte Barfrau mit der Hausdauerwelle, deren Gesicht immer mehr erzählen wird als ihre einsilbigen Antworten. Und natürlich ich, Marke gescheiterte beinahe-Akademikerin mit gelangweiltem Blick, Strickzeug und beinahe einschlafend.

In dieser Bandbreite passen wir dann alle wieder ganz gut zusammen. Man unterhält sich. Niemand ist gemein zu dem anderen, grenzt jemanden aus.

Die Kurse bestehen aus einem verhuschten Menschen, marke Quereinsteiger oder irgendwas mit Sozial- studiert, die sich vorne in den Raum setzen und anfangen, irgendwas aus einem Skript zu erzählen. Zwar mit Abschweifungen, aber man hört so ein kleines kollektives Seufzen, wenn eine Seite umgeblättert wird. Es gibt viele Pausen, alle rauchen. Mir wurde das zuviel (und zu kalt, da ja meine geliebte Lederjacke noch in B ist) und meist bleib ich oben und stricke weiter.

Generell wird der, der da vorne steht eher wie ein Feind behandelt. Gerade, wenn der Dozent weiblich ist. Dann kommen diese kleinen Halbsätze, Bemerkungen, die so leise gesagt werden dass alles drumherum kichert und die arme Frau "Was war das?" fragen muss. Worauf sie natürlich keine aufschlussreiche Antwort verhält. Der häufigste laut geäußerte Einwurf ist "Wissen sie, da können sie mir jetzt sonstwas erzählen, das interessiert mich alles nicht." Und um ehrlich zu sein: Ich verstehs sogar, obwohl natürlich diese Form der Aufrichtigkeit nicht weiterhilft. Was uns da aufgetischt wird sind Allgemeinplätze. Regelung von Alltag. Wie geht man mit Konflikten um. Wie teilt man sich einen Tag ein. Weder der alte Bauarbeiter noch die türkische Hausfrau können was damit anfangen. Niemand kann das eigentlich.

Tut mir leid, wenn das negativ klingt. Es ist nicht schlimm, es nervt nur. Niemand ist gerne da, auch nicht die Dozenten. Jeder weiss, dass es nichts bringt. Jeder weiss, dass alle anderen das auch wissen.

Aber man kann es aushalten, gerade durch diese verschiedenen Arten von Menschen und deren Lebensansicht lerne ich sehr viel. Und zwar nicht nur über sie, sondern vor allem über mich. Man baut Vorurteile ab, andere verstärken sich natürlich. Aber es sind Menschen, mit denen ich sonst wahrscheinlich keine zwei Sätze gewechselt hätte. Und nun sitzen wir gemeinsam in einem Raum und unterhalten uns. Das ist schon spannend.

Trotzdem brauchte ich heute eine Pause davon. Teil ist, dass ich mich irgendwie recht schlapp fühle, Teil wahrscheinlich auch, dass ich schliesslich noch ein ganz paar Wochen dafür Zeit habe und nicht gleich am ersten Tag nach der Zeitumstellung aus den Federn kam. (Teil ist auch, dass ich in der Mittagspause nicht mit der singenden Azubinen-Anwärterin shoppen gehen wollte, feige und sozial inkompetent von mir, ich weiss.) Na gut, soviel erstmal von hier, ich lebe in den Tag hinein... und habe heute fest vor, mich zumindest ein wenig zu langweilen. Ich freu mich sogar darauf.

1 Kommentar:

  1. juhu kommentarfunktion ! :) chica linda, ich lese begeistert deine einträge. und wollte sagen dass ich in einer woche wieder in B bin ...

    AntwortenLöschen